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Axel Rudi Pell
Welcome to 'The Masquerade Ball'
Der melodische Heavy Metal Boom hält unvermindert an, und neue Bands schießen wie die Pilze aus dem Boden, aber wie sieht es eigentlich mit der Qualität dieser neuen Bands aus? Nun ja, die meisten der neueren Newcomerbands sind in der Tat ordentlich bis gut, aber gerade in der Qualitätsfrage wird deutlich, daß in der Regel ältere und etablierte Acts meistens in der obersten Eliteklasse stehen, weil sie einfach ihren eigenen Stil gefunden haben und somit einen Wiedererkennungswert besitzen, der speziell beim Melodic Metal ungeheuer wichtig ist. Dies gilt zweifelsohne auch für den Wattenscheider Gitarrist und bekennenden Ritchie Blackmore Fan Axel Rudi Pell, der mit seinem neusten Album The Masquerade Ball seiner Tradition, hervorragende Platten zu veröffentlichen, wieder einmal restlos treu bleibt. Im Gegensatz zu vielen Newcomerbands kann Axel bekanntlich auf eine lange Ahnenreihe von durchweg empfehlenswerten Alben zurückblicken, und auch diverse Line-Up Wechsel haben ihn nie daran gehindert, das Niveau seines Stils und seiner Klasse auf einem hohen Level zu halten. Demzufolge schließt The Masquerade Ball nahtlos am Vorgänger Oceans Of Time an, und wer schon immer ein Fable für melodische Schwermetallklänge hatte, wird hier wieder voll auf seine Kosten kommen. In der Vergangenheit war in vereinzelten Magazinen manchmal zu lesen, Axel sei ein leicht arroganter "Rockstar" mit diktatorischen Ansätzen, aber dazu läßt sich nur eines sagen: Bullshit! Im Interview mit dem Jester's Chefredakteur präsentierte sich Axel Rudi Pell vielmehr als ein ganz normaler und sympathischer Typ, mit dem das folgende Interview einfach Spaß gemacht hat. Und jetzt steigen wir auch gleich ein in den Maskeradenball und wollen hören, was der blonde Maestro mit der Löwenmähne so alles zu sagen hat ... 


? Fangen wir gleich mal mit einer Grundaussage zu The Masquerade Ball an - ist dieses Album die bislang beste AXEL RUDI PELL Scheibe?
Ja, würde ich schon sagen, weil The Masquerade Ball mein bislang rundestes Album ist und als Gesamtwerk somit wohl das beste ist, was ich bisher geschrieben habe, zumal diesmal aus meiner Sicht überhaupt keine Füller dabei sind.

? Und im Vergleich zu den älteren Platten ... gibt es da noch Alben oder Songs, die Dir im Nachhinein besonders gut gefallen?
Mir gefallen nach wie vor alle meine Platten, aber bei einigen Alben gibt es zwei bis drei Songs, wo ich im Nachhinein sage, die hätten nicht unbedingt drauf sein müssen ... eben solche typischen Füller-Songs, von denen - wie bereits gesagt - keiner auf The Masquerade Ball ist. Und ich finde, gerade das macht The Masquerade Ball zu meinem wohl besten Album. Aber generell finde ich wirklich alle Platten wirklich gelungen, wobei meine erste Soloscheibe von 1989 soundtechnisch heute mit einem anderen Sound sicherlich besser klingen würde ... mit dem Songmaterial an sich bin ich aber auch da immer noch grundsätzlich zufrieden.

? Die Vorzeichen standen diesmal ja etwas anders im Gegensatz zu Oceans Of Time, wo Johnny erst während des Songwritings zur Band stieß, als der Großteil der Stücke bereits geschrieben war. Inwieweit war es diesmal leichter für Dich, die Songs konkret auf Johnny abzustimmen?
Ich sag mal so: die Abstimmung war sicherlich etwas leichter, weil ich ja schon von Angang an wußte, welche Tonlage er bevorzugt, aber auf das eigentliche Songwriting hatte das im Endeffekt keinen Einfluß. Ob ich einen Song jetzt in A oder C oder in D schreibe ist letztendlich völlig egal, Hauptsache der Song an sich ist gut.

? Johnny ist von den Fans doch auch ziemlich gut aufgenommen worden, oder?
Ja, das denke ich auch und zwar sogar mit absoluter Mehrheit. Das haben wir natürlich vor allem an den Tourneen gemerkt, und da bin ich auch sehr glücklich darüber. Ich denke sogar, daß von allen Sängern, die ich bisher hatte, Johnny derjenige ist, der am besten zu meiner Musik paßt ... ohne die anderen jetzt irgendwie schlecht machen zu wollen! Es paßt einfach super und wir sind auf der gleichen Wellenlinie, was für mich natürlich zusätzlich eine Erleichterung ist.

? Meiner Meinung nach ist The Masquerade Ball vom Tempo her wieder sehr abwechslungsreich, wobei aber schnellere Tracks bis auf Earls Of Black kaum vertreten sind ...?
Ja, das stimmt. Das war aber keine bewußte Sache, die ich von Anfang an beabsichtigt habe, sondern es hat sich einfach so ergeben. Wenn ich mich hinsetzte und Ideen sammle, dann sage ich mir nicht " Ich muß jetzt mindestens drei schnelle Tracks und eine Ballade schreiben", sondern das kommt ganz auf meine Stimmung an. Du mußt Dir das so vorstellen: ich sammle Ideen und komponiere sie cirka in einem Zeitraum von 6-10 Monaten, und dabei lasse ich mich nur von meinen Gefühlen leiten. Als ich damals die Songs zu Magic geschrieben habe, waren ungefähr sechs Songs mit Double Bass dabei, aber diesmal hatte ich irgendwie das Gefühl, daß das für The Masquerade Ball nicht sein muß, und ich bin konkret auf das Feeling bezogen auch relativ happy damit.

? Das freut mich zu hören, denn manchmal habe ich speziell bei größeren Bands den Eindruck, als würden die Songs bereits im Vorfeld schon am Reißbrett geschrieben werden um allein schon im kommerzieller Sicht ein Erfolg zu werden ...?
Ich weiß, was Du damit meinst, aber das ist bei mir mit Sicherheit nicht der Fall ... zum Glück! Ich halte es einfach für ehrlicher, wenn die Musik aus dem Bauch und von den Stimmungen und Gefühlen kommt, und ich glaube, das hört man meiner Musik auch an.

? AXEL RUDI PELL ist eine der wenigen Bands, wo Musik und Lyrics gleichermaßen von einer Person geschrieben werden. Ist das eine Doppelbelastung für Dich oder fühlst Du Dich wohler, wenn diese beiden wichtigen Faktoren gebündelt sind?
Ähh ... gute Frage, aber zunächst muß ich mal sagen, daß ich die Wichtigkeit dieser beiden Faktoren ein bißchen aufteile. Ich persönlich sehe die Musik mit ca. 85% im Gegensatz zu 15% Lyrics viel mehr im Vordergrund. Das heißt, die Musik ist für mich viel wichtiger, was aber nicht heißt, daß ich deshalb Nonsens-Texte schreibe. Was jetzt den Gesamtprozeß betrifft: für mich ist es nicht unbedingt wichtig, Musik und Lyrics zu schreiben, aber es ist für mich leichter. Da ich die Gesangslinien ja auch selber schreibe, kann ich so besser absehen, wie der Text bzw. die Gesangslinien später zum jeweiligen Song paßt. Wenn ich jetzt beispielsweise Johnny anrufen würde und ihn bitten würde, einen Text für dieses oder jenes Thema zu schreiben, dann würde das im Endeffekt vermutlich nicht so gut passen, weil er natürlich unmöglich wissen kann, wie ich den Song genau im Kopf habe, was logisch ist, weil schließlich auch eine räumliche und zeitliche Distanz da ist. Wenn er jetzt in Deutschland leben würde und wir könnten uns öfters treffen, dann wäre das vermutlich eine andere Sache und er könnte durchaus den ein oder anderen Text schreiben, davon bin ich fest überzeugt. Aber im Rahmen der bestehenden Möglichkeiten ist es meiner Meinung nach besser, wenn ich beides mache.

? Da fällt mir spontan die Frage ein: wenn Du einen Song schreibst, nimmst Du den auf Computer auf oder spielst Du ihn klassisch erst einmal auf Tape ein?
Bei der Vorbereitung - sozusagen, wenn es um die Ideensammlung geht - läuft das bei mir ganz klassisch ab. Ich hätte zwar technisch die Möglichkeiten, die Ideen gleich zu samplen, und ich bin auch ein kleiner Computerfreak, aber für mich wäre das technisch zu steif. Wie vorhin bereits gesagt habe kommt es mir vor allem auf das Feeling an, und wenn man eine Idee analog 1:1 aufnimmt, wie sie einem im Kopf herumspukt, dann halte ich das für einfacher. Ich benutze also immer noch mein altes 4-Spur-Gerät mit dem ich jetzt schon seit 13 oder 14 Jahren arbeite, und für mich reicht das im Vorfeld völlig aus. Ich lege die Geschwindigkeit und den Beat fest und spiele dann die Gitarren und die Gesangslinien drauf, dann ist die Sache erstmal für mich gegessen ... also ohne Drumcomputer oder Keyboards. Ich weiß allerdings immer schon, wie ich den Song in etwa arrangieren will, und das schreibe ich mir auch auf, damit wir später im Studio nicht zu viel Zeit dafür brauchen. Und wenn die Grundidee steht, ohne daß ich zuhause alles mit Samples usw. bis ins kleinste ausgearbeitet habe, dann ist das für mich später im Studio auch spontaner und macht mehr Spaß, als wenn man das Ganze nur noch exakt nach einer Vorlage einspielen muß.

? Mit July Morning hast Du Dir einen URIAH HEEP Klassiker aus den Siebziger Jahren ausgesucht, Warum gerade dieser Song und ist diese Wahl vielleicht auch eine kleine Hommage an die 70er, als die Kreativität der Rock Bands möglicherweise ausgeprägter war als heutzutage, wo man im Prinzip alles schon einmal in der ein oder anderen Form gehört hat?
Ich hatte eine Anfrage von einer anderen Plattenfirma, einen Song zu einem URIAH HEEP Tribute Album beizusteuern, und wie ich erfahren habe, wollte der deutsche URIAH HEEP Fanclub, daß auch eine Coverversion von AXEL RUDI PELL dabei ist, was mich natürlich sehr gefreut hat. Also habe ich gesagt "Klar, das mach ich gerne, wenn ich mir den Song aussuchen kann und wenn er zu AXEL RUDI PELL paßt". Bei diesen Aufnahmen haben wir dann aber schnell gemerkt, daß dieser Song eigentlich so gut zu uns paßt, daß ich ihn nicht nur auf der Tribute Scheibe sondern auch auf meinem eigenen Album draufhaben wollte. Ich selbst war auch immer eine großer Uriah Heep Fan von Anfang bis Mitte der Siebziger Jahre ...

? ... wo David Byron noch dabei war ..
... richtig (lacht), und die Phasen danach fand ich auch noch teilweise ganz gut, aber von da an konnte ich mich nicht mehr ganz so sehr für die Sachen begeistern. Wie auch immer, July Morning war schon immer einer meiner absoluten HEEP Lieblingssongs und weil der Song außerdem stilistisch sehr gut zu meiner eigenen Musik paßte, habe ich mich gleich dafür entschieden.

? Und wie sieht es mit dem zweiten Teil der Frage aus, sprich "Kreativität der 80/90er Jahre im Vergleich zu dem Siebzigern" ?
Ah ja ... hm, das stimmt mit Sicherheit, aber auf der anderen Seite muß man halt auch dazusagen, daß es in der Musik nur 8 Haupttöne gibt - mit den Zwischentönen vielleicht 12 - und es ist halt unglaublich schwierig, etwas Neues zu kreieren, wenn man es auch gar nicht kreieren will. Klar, die Musik war damals bahnbrechend, wie Du völlig richtig gesagt hast, und es gibt immer wieder Wiederholungen, aber das finde ich gar nicht mal so negativ. Es gibt meiner Meinung nach immer noch genug Spielraum, neue Melodien zu entwickeln, aber ich glaube nicht, daß sich die Musik generell so weiterentwickeln wird, daß etwas völlig Neues entsteht, aber das finde ich wie bereits gesagt gar nicht mal so schlimm, weil man auf vorhandenen Melodien schließlich aufbauen kann und diese für sich selbst zuschneidern kann.

? Nicht nur die Musik, auch die Cover der AXEL RUDI PELL Platten haben seit längerer Zeit einen sehr deutlichen, eigenen Stil. Ist das bewußt so gewollt oder hat sich das unbewußt immer so ergeben?
(lacht) Ist schon bewußt so gewollt. Am Anfang hatte ich kleinere Probleme mit meiner Plattenfirma deswegen, weil die gesagt haben "woher sollen die Leute wissen, daß es eine neue AXEL RUDI PELL Scheibe ist, wenn die Cover ähnlich gestaltet sind" , aber ich konnte sie schnell überzeugen, daß es ja eigentlich nur die Farben und der Stil ist, die ähnlich konzipiert sind ... die Motive sind schließlich immer wieder neu. Und seit Black Moon Pyramid zieht sich sogar eine kleine Story durch die Entwicklung der Cover. Bei Oceans Of Time beispielsweise sah man fünf Typen in einem Boot, und einer dieser Typen zeigt auf etwas, daß sich vorne befindet. Auf dieser Insel bzw. an dem Gebäude sind die Typen auf The Masquerade Ball jetzt angekommen und in diesem tempelähnlichen Gebäude irgendwann in einer Endzeit findet der Maskeradenball - The Masquerade Ball - statt. Was sich im Inneren dieses Gebäudes abspielt, wird der Fan auf dem nächsten AXEL RUDI PELL Album erfahren.

? Mit Jeff Scott Soto und Jörg Michael hast Du sehr lange zeit zusammen gearbeitet. Vermißt Du die beiden irgendwie und hast Du heute noch Kontakt zu ihnen?
Ich sag mal so: ich vermisse Michael auf freundschaftlicher Basis ... so als Kumpel. Musikalisch gesehen kann ich jetzt nicht sagen "Michael ist besser als Mike" ... beide sind super Drummer. Michael hat sich damals halt entschlossen, nur noch STRATOVARIUS zu machen, und das habe ich auch akzeptiert, aber natürlich sind wir immer noch Kollegen und Freunde. Wir sehen uns zwangsläufig jetzt weniger als früher, weil jeder schließlich seine terminlichen Verpflichtungen hat, aber das ist schon okay und manchmal treffen wir uns immer noch auf ein Bierchen und unterhalten uns. Mit Jeff ist das ein kleines bißchen anders; der Kontakt ist zwar schon noch da, aber allein schon aufgrund der Tatsache, daß er in den Staaten lebt, haben wir natürlich nicht mehr soviel Kontakt zueinander. Trotzdem schreiben wir uns noch ab und zu, und ich denke, das ist schon okay so. Musikalisch hat er zwar eine andere Richtung bevorzugt - das war ja auch der Grund für unsere Trennung - aber es ist nie böses Blut geflossen und wir haben immer noch ein freundschaftliches Verhältnis zueinander.

? Wie sieht's mit Liveauftritten bzw. einer Tournee aus? Ist schon etwas Konkretes in Planung?
Ja, wir werden im Sommer ein paar Gigs machen, hauptsächlich auf Festivals, und dann ab Oktober werden wir auf Tour gehen, aber konkrete Daten hab ich jetzt noch nicht im Kopf. Bei der Haupttour wird dann vielleicht auch bezüglich der Playlist die ein oder andere Überraschung dabei sein, und wir freuen uns tierisch drauf. Also see You on Tour!
Wolfgang Volk (01.07.2000)
Weiteres zu Axel Rudi Pell:

- Shadow Zone (CD-Check)

- The Wizards Chosen Few (Doppel-CD) (CD-Check)