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Everon
Mit Ghosts in die vierte Runde
Auch wenn es nicht immer so aussieht - die Progressive Rock/Metal Szene in Deutschland kann sich wirklich sehen lassen, denn Bands wie beispielsweise SIEGES EVEN oder DREAMSCAPE sind bekanntlich allererste Sahne und brauchen sich vor der internationalen Konkurrenz nicht zu verstecken. Auch EVERON gehören zweifelsohne zur absoluten nationalen Eliteklasse, und da man von dieser sympathischen Band schon lange nichts mehr gehört hat, ist es wieder einmal an der Zeit nachzufragen, was es denn Neues aus dem EVERON Lager gibt, was die Jungs in der Zwischenzeit nach Erscheinen des letzten Venus-Albums so getrieben haben und natürlich die Frage aller Fragen: wann gibt es wieder etwas Neues zu hören. Also in der Tat Fragen über Fragen, die der blendend aufgelegte Oliver Philipps sehr gerne und ausführlich beantwortet hat, wie dem folgenden Interview zu entnehmen ist ... 


? Hallo Oliver, seit Venus ist es relativ ruhig um EVERON geworden. Erzähl doch mal ... was gibt es Neues bei Euch?
Wir haben recht lange gebraucht, um einen geeigneten Ersatz für unseren bisherigen Gitarristen Ralf zu finden, von dem wir uns kurz vor Veröffentlichung von Venus getrennt hatten, und als wir dann endlich den richtigen Mann hatten und auch soweit gewesen wären, endlich wieder auf die Bühne zu gehen, war es eigentlich schon viel zu spät, um Venus noch zu promoten. Außerdem fiel mir bei den Proben auf, daß ich eigentlich total die Nase davon voll habe, auf der Bühne gleichzeitig zu singen und Keyboard und Gitarre zu spielen; wo wir ja schon einmal dabei waren, haben wir uns dann gleich auch noch einen Keyboarder gesucht, der nach der Veröffentlichung der neuen Platte mit uns auf Tour gehen wird.

? Aha, ist also mittlerweile wieder eine neue CD in Aussicht/geplant und bei welchem Label wird das nächste Album voraussichtlich erscheinen?
Die Songs für die nächste CD sind bereits komplett geschrieben; wir werden demnächst mit den Aufnahmen beginnen, so daß die CD Ende Herbst/Anfang Winter in den Läden stehen sollte. Sie wird in Europa wie die vorherige bei Mascot Records (NL) erscheinen, in Japan voraussichtlich bei Avalon, und in Südamerika sind wir bei Hellion Records unter Vertrag. Es ist geplant, daß wir ab Mitte Februar nächsten Jahres 4 - 6 Wochen auf Europa-Tournee gehen ... wird bestimmt ganz witzig, auch mal in England zu spielen, ich glaube nicht, daß es dort einen einzigen Menschen gibt, der EVERON überhaupt kennt, geschweige denn mag. "Vernichtend" wäre eigentlich noch geschmeichelt für die Kritiken, die wir dort mit unseren Platten bekommen haben, traditionell hassen die Engländer eigentlich alles, was aus Deutschland kommt, aber es liegen ein paar Anfragen vor, also werden wir auch dorthin einen Abstecher machen. Vielleicht können wir ja Blues-Brothers-mäßig in einem Käfig spielen oder sowas ...

? Wenn Du heute so zurückblickst: welche EVERON-CD gefällt Dir heute - mit zeitlichem Abstand - am besten, bzw. mit welchem Album bist Du immer noch rundum zufrieden?
Am besten gefällt mir eigentlich immer die jeweils nächste Platte, und so soll es ja wohl auch sein. Von den bisherigen halte ich musikalisch Venus ohne Frage für die mit Abstand stärkste, trotzdem wird Paradoxes für mich immer etwas besonderes bleiben. Es war halt die erste Platte, und auch wenn ich an allen Ecken und Enden Fehler höre, speziell was den Songaufbau und die Arrangements betrifft, hatte sie eine ganz besondere Atmosphäre. Ich denke, den grenzenlosen Enthusiasmus und die Begeisterung, die eine junge Band hat, die ihre erste CD aufnimmt, kann man nie wieder zurückholen, daher haben Debütalben immer einen ganz besonderen Charme, unabhängig davon, ob sie nun objektiv betrachtet besonders gut sind oder nicht. Wenn wir heutzutage eine Platte abliefern würden, die all die Mängel hat, die auf Paradoxes offensichtlich sind, wäre ich sicher äußerst enttäuscht, aber damals haben wir das zu der Zeit Bestmögliche herausgeholt, daher mag ich die Platte auch noch heute. Ich denke, auch Flood war eine gute CD, aber für mich verknüpfen sich damit die Erinnerungen an die ganze Katastrophe mit Roadrunner Records, der geplatzten Tour und dem Bankrott unseres damaligen Labels SI-Music, deshalb denke ich nicht so gerne daran zurück. Aber wie gesagt, musikalisch halte ich Venus für die bisher beste; aber die neue wird natürlich ohnehin viiiieeeeeel besser als alles, was wir bisher gemacht haben ...

? Ähnlich wie bei SIEGES EVEN und vielen anderen Progressive Bands habt Ihr immer hervorragende Kritiken bekommen, aber ein größerer kommerzieller/finanzieller Erfolg ist ausgeblieben. Ärgert einen so etwas nicht ab und zu?
Zunächst einmal ist es ja so, daß wir eigentlich keinen Grund haben, uns zu beschweren. Wir verkaufen für eine Progressive Band ungewöhnlich gut und sind auf einem soliden Rocklabel mit amtlichen Vertrieben in allen europäischen Ländern, von daher geht es uns schon wesentlich besser als den meisten anderen Bands, die meist auf irgendeinem spezialisierten Label landen und damit eigentlich nur selten die Chance bekommen, aus der doch ziemlich kleinen Progressive Szene herauszukommen. Daß wir nicht unbedingt goldene Schallplatten oder Schubkarren voll Geld mit unserer Musik einfahren, liegt irgendwie in der Natur der Sache. Wenn man sich für diese Art von Musik entscheidet, muß man früher oder später auch die Erwartungen auf ein realistisches Maß zurückschrauben, sonst wird man immer enttäuscht werden. Keiner von uns muß seinen Lebensunterhalt durch EVERON verdienen, wir machen das Ganze nur, weil uns die Musik am Herzen liegt und es einfach ein Teil von unserer Art, zu leben, ist. Und solange es irgendwo in der Welt ein paar Menschen gibt, denen unsere Musik etwas bedeutet und die sich freuen, wenn es eine neue Platte gibt, ist das auch Grund genug, weiterhin CDs zu veröffentlichen. Ich denke, wenn man anfängt, Musik aus kommerziellen Gründen zu machen, liegt das Kind künstlerisch gesehen ohnehin schon im Brunnen; die Musik selbst sollte die Motivation sein, sonst gar nichts.

? Wie hälst Du Dich finanziell eigentlich über Wasser, d.h. mit welchem Job verdienst Du Dir eigentlich Deine Brötchen?
Beruflich arbeite ich als Musikproduzent; seit ca. 2 Jahren betreibe ich zusammen mit Moschus, der bei EVERON trommelt und im "normalen" Leben ein hervorragender Toningenieur ist, ein Tonstudio (Spacelab Studio) in Kempen nahe der holländischen Grenze. Die Sache entwickelt sich immer besser, und es ist eine Arbeit, die ich wirklich gerne mache. Das Konzept des Studios war von Anfang an, wirklich professionelle Produktionen zu einem Preis zu ermöglichen, der es auch für "Zweitliga"-Bands, so wie wir es selbst sind, erschwinglich macht, eine konkurrenzfähige Produktion vorzulegen. Wir rechnen nicht nach Tagen ab, sondern vereinbaren Komplettpreise für die gesamte Produktion, so daß die Bands sicher sein können, daß sie mit ihrem jeweiligen Budget auch auskommen, wenn wir uns darauf eingelassen haben. Am Anfang war es ein wenig schwierig, was aber wohl normal ist, wenn man auf eigene Faust etwas Neues anfängt und einen zunächst kein Mensch kennt, da man sich erst einmal eine Reputation aufbauen muß. Natürlich kam es uns zu gute, daß wir durch unsere Erfahrungen als Musiker ein paar ganz gute Kontakte hatten und nicht völlig bei Null beginnen mußten. Darüber hinaus haben wir Venus bei uns im Studio produziert, und die sehr guten Kritiken, die die Platte auch für ihre Klangqualität erhalten hat, waren eine gute Werbung für das Studio. Inzwischen haben wir uns einen Namen erarbeitet und haben mehr Anfragen, als wir überhaupt bedienen können; das ist auch der Hauptgrund dafür, daß es noch keine neue EVERON-Platte gibt, wir hatten ganz einfach noch nicht genug Zeit dafür. Aber wir machen jetzt im Juni/Juli noch zwei Produktionen, und danach geht es dann definitiv wieder mit EVERON los.

? Ist so eine Studioarbeit nicht manchmal total nervend? Ich kann mir gut vorstellen, daß einige Bands komplett falsche Vorstelungen über ihren Sound haben und da ist doch oftmals schwierige Überzeugungsarbeit von Deiner Seite erforderlich ...?
Nein, nicht wirklich; wie gesagt, ich mache diese Arbeit wirklich sehr gerne, ich liebe Musik einfach sehr und empfinde es als ausgesprochenen Glücksfall, damit meinen Lebensunterhalt verdienen zu können. Natürlich haben Bands, gerade wenn die Musiker noch relativ jung und unerfahren sind, manchmal falsche Vorstellungen, aber letztlich ist es ja auch ein Teil meiner Aufgabe als Produzent, so viel wie möglich von den Vorstellungen, die die Bands mitbringen, in die Wirklichkeit einer Studioproduktion zu übertragen. Manches, was die Bands sich im Proberaum ausgedacht haben, funktioniert halt in der Praxis nicht, das muß man dann halt vernünftig erklären oder auch demonstrieren, damit die Musiker merken, daß man ihnen nicht irgendeinen Blödsinn verzapft; dafür gehen dann meist aber eine Menge ganz anderer Dinge, an die die Band im Vorfeld gar nicht gedacht hat. Meiner Meinung nach sollte die Studioarbeit immer ein kreativer Prozeß sein, an dessen Ende man gemeinsam etwas geschaffen hat, das mehr ist, als das, was die Band ursprünglich mitgebracht hat. Wir lassen den Leuten immer viel Zeit für Experimente und geben ihnen die Gelegenheit, ihre Kreativität zu entfalten. Im Studio bekommt man einfach durch die Möglichkeiten, die einem plötzlich zur Verfügung stehen, immer eine Menge neuer Ideen, und die Musiker sollten die Zeit haben, diese auch zu verwenden. Wir wissen beide nur zu gut aus eigener Erfahrung, wie unbefriedigend es ist, diese Möglichkeit in einer Produktion nicht zu haben, einfach weil die Uhr immer mitläuft und das Budget einem langsam ausgeht; deshalb haben wir von vorne herein einen völlig anderen Weg eingeschlagen, und der scheint sich immer mehr auszuzahlen. Wir hatten inzwischen schon Bands aus Italien, Spanien, Finnland, Holland und Belgien zu Gast; also scheinen wir ja irgendwas richtig zu machen, sonst würden sie sich die Reise wohl sparen und lieber zu Hause um die Ecke aufnehmen. Es sind viele persönliche Freundschaften aus diesen Produktionen entstanden, eigentlich könnte ich mir kaum einen schöneren Job vorstellen. Auch als Musiker lerne ich von jeder Band etwas dazu, es ist eine Sache, die definitiv in beide Richtungen funktioniert, zum einen helfe ich den Bands, wo es nötig ist und soweit es in meinen Möglichkeiten steht, aber von jedem einzelnen lerne ich auch etwas, daß ich noch nicht wußte, was mir wiederum hilft, mich als Musiker und auch als Produzent weiterzuentwickeln. Ein anderer netter Nebenaspekt ist, daß ich auch ein bißchen in der Welt herumkomme; ich betreue immer häufiger auch Produktionen, die nicht in unserem eigenen Studio stattfinden. Im letzten Winter hatte ich die Gelegenheit, für die EMI eine Produktion in New York zu übernehmen, und in diesem Jahr werde ich auf jeden Fall noch eine in Prag machen, ich denke es gibt definitiv schlechtere Jobs auf der Welt ...

? Um nochmals auf die Band zurückzukommen - wie geht es jetzt mit EVERON weiter? Wird es eingreifende Veränderungen geben, sprich: wird die nächste CD vielleicht ganz anders klingen als die vorherigen?
Die neue CD wird definitiv anders klingen, vor allem natürlich wesentlich besser, versteht sich ja von selbst. Nein ernsthaft, es klingt halt irgendwie schon wie EVERON, aber die Musik hat sich eigentlich mit jeder Platte verändert, und darüber bin ich auch froh. Das ist nicht willentlich gesteuert, sondern ergibt sich eher so von selbst. Ich vertrete ohnehin die Ansicht, daß man als Songwriter zum Song nicht allzuviel beiträgt, eigentlich fallen einem die Sachen eher ein, als das man sie sich selbst ausdenkt. Wenn man in diesen Prozeß zu sehr eingreift, macht man in den seltensten Fällen etwas besser, sondern zerstört eher den Song. Zumindest ist meine Art des Songwritings, die Ideen einfach in meinem Kopf reifen zu lassen, bis ein kompletter Song daraus entstanden ist. Manchmal geht das in ein paar Minuten, manchmal dauert es Monate. Da mir auch ziemlich gleichgültig ist, ob das ganze sich am Ende nach Progressive Rock oder irgendwas anderem anhört, sehe ich auch gar keinen Grund, zu versuchen, die Einfälle in eine bestimmte Richtung zu lenken. Das Gute daran, daß wir nicht mit unseren Platten unseren Lebensunterhalt verdienen, ist, daß wir nicht gezwungen sind, irgend jemandes Erwartungen zu erfüllen, um möglichst viele Platten zu verkaufen. Für mich gibt es nichts langweiligeres als Bands, die schon seit 10 Jahren immer dieselbe Platte rausbringen, nur mit unterschiedlichen Namen darauf. Und machen sie mal etwas anderes, geht die Hälfte der Fans ja auch direkt auf die Barrikaden und schreit "Verrat". Keine Ahnung, was der Unsinn soll; METALLICA sind so ein Beispiel. Ganz egal, ob man nun die alten oder die neuen Sachen lieber mag, zumindest versuchen sie, nicht stehenzubleiben und mal was anderes zu probieren. Aber ungefähr die Hälfte aller Metal-Fans würde ihnen am Liebsten den Kopf abschlagen, weil sie ja jetzt nicht mehr nach Master Of Puppets klingen. Ich kann sowas nicht nachvollziehen, wenn jemand Master Of Puppets hören will, kann er doch einfach die Platte auflegen, und gut ist's. Ähnliches spielte sich in der Progressive Szene ab, als FISH seinen Stil zunehmend verändert hat. Persönlich kann ich mit dem Kram auch nicht wirklich was anfangen, aber das spielt doch gar keine Rolle. Er macht die Platten ja nicht für mich, sondern für sich selbst. Zunächst einmal muß es ihm selbst gefallen, und dann wird sich schon irgendein Publikum dafür finden, das seinen Geschmack teilt, oder vielleicht auch nicht, dann hat er eben Pech gehabt. Zumindest ist mir jemand wie FISH, der Mut hat, seine Ideen umzusetzen, tausendmal lieber als irgendein Ex-MARILLION-Drummer, der ein paar Leute zusammentrommelt, um 100 Jahre nach Script For A Jester's Tear eine Platte zu machen, die sich genauso anhört, und das wohl nicht nur zufällig. Oder auch ein MEAT LOAF, der wahrscheinlich so ums Jahr 2010 bei Bat Out Of Hell 5 angelangt sein dürfte ... für mich sind sowas reine Kopfgeburten, die alleine dem Geldverdienen nützlich sind und künstlerisch gesehen weniger als nichts hergeben.
Die neuen Songs in Worten zu beschreiben, macht nicht wirklich viel Sinn, daher schenke ich mir das an dieser Stelle. Ich kann nur sagen, daß ich sehr sehr glücklich mit dem neuen Material bin, und ich bin überzeugt, es wird eine Menge Leute geben, die die Musik mögen wird. Die Songs sind sehr emotional und haben eine sehr intensive und dichte Atmosphäre; es wird sehr viele bewegende Momente auf dem neuen Album geben, zumindest hoffe ich, daß sie außer mir noch irgendwen bewegen.
Titel der Platte wird Ghosts sein, und es werden 12 Songs darauf enthalten sein. Einer davon wird als Single ausgekoppelt und es wird auch einen Videoclip dazugeben, den natürlich kein Mensch bei VIVA/MTV jemals senden wird, es sei denn, unsere Art von Musik sollte plötzlich aus irgendwelchen Gründen megahip werden, was ungefähr so wahrscheinlich ist, wie daß Deutschland nächstes Jahr den Europameistertitel verteidigt ... (lacht)
Das Artwork wird wie immer von dem australischen Künstler Gregory Bridges gemacht, und wird wie immer großartig sein, auch wenn ich noch keinen blassen Schimmer habe, was er vorhat. Wir lassen ihm da völlig freie Hand, und bisher hat er uns niemals enttäuscht.

? Unabhängig von einer Veröffentlichung - geht Ihr irgendwann wieder auf Tournee und wenn "ja", wann wird das voraussichtlich sein?
Wie schon anfangs erwähnt, es wird eine Tour geben, die Mitte Februar 2000 beginnen soll. Wir freuen uns alle sehr darauf und hoffen, daß nicht wieder irgendeine Katastrophe passiert, die die Pläne zunichte macht. Ich persönlich freue mich vor allem darauf, mal zur Abwechslung nur zu singen und hier und da etwas Gitarre zu spielen, anstatt 500 Dinge gleichzeitig tun zu müssen. Diesmal soll das live-spielen vor allem Spaß machen - uns genauso wie dem Publikum.
Wolfgang Volk (01.09.1999)