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Atrocity
Die Verwirklichung einer fixen Idee
Ungewöhnlich und eigensinnig waren sie schon immer, doch das neueste Album Werk 80 überraschte nicht nur ATROCITY-Fans auf ganzer Linie. Das Covern von Klassikern oder auch unbekannteren Liedern ist heutzutage sicherlich keine Seltenheit mehr, doch als Metalband ein komplettes Album mit Coverversionen von Pop Songs aus den 80ern herauszubringen erfordert Mut. Diesen Mut haben ATROCITY mit Werk 80 bewiesen und ernten nun die Früchte ihrer Courage in Form eines nicht erwarteten Erfolgs in den Charts. Obwohl von einer Grippe angeschlagen, ließ es sich Sänger Alexander Krull nicht nehmen, ausführliche Statements zum Werk 80 abzuliefern. 


? Wie fühlt man sich denn so mit dem bislang erfolgreichsten Album?
Diese Frage hat man mir in letzter Zeit schon oft gestellt. Es ist ja nicht nur der bisher größte Erfolg für ATROCITY, sondern auch für Massacre. Das Album ist jetzt auf Platz 33 der Charts eingestiegen und ich muß ganz ehrlich sagen, daß ich davon überwältigt bin. Mit einem solchen Erfolg hätte ich auch nicht gerechnet, obwohl die Vorverkäufe schon sehr gut angelaufen sind und die Leute sehr positiv auf Werk 80 reagiert haben. Aber das es so hammermäßig abgeht ... Ich bin aber lange genug dabei und weiß, wo wir stehen und daß wir auf dem Boden der Tatsachen bleiben müssen.

? Wieso covert eine Metal Band der 90er Jahre Pop Songs aus den 80ern?
ATROCITY stammt ja eigentlich aus den 80er Jahren, aber das hat mit den Pop Songs wenig zu tun. Es war eigentlich eine fixe Idee, die wir schon lange hatten. Außerdem war es eine große Herausforderung, diese Stücke als Metalband aus den 80ern in die 90er Jahre zu transportieren. Und vor uns hat das noch keiner gemacht. Ursprünglich waren die Lieder nicht für die traditionellen Instrumente Gitarre, Bass, Schlagzeug angelegt, deshalb war es für uns umso interessanter, die Songs auf unsere Art zu interpretieren. Wenn man boshaft ist, könnte man uns unterstellen, daß wir keine eigenen Ideen mehr hätten, und deshalb auf Coversongs zurückgegriffen haben. Das lasse ich in dem Fall aber nicht gelten, weil eben diese "Crazy Idea" schon sehr lange in unseren Köpfen herumgespukt hat, und wir einfach Bock hatten die Platte aufzunehmen.

? Wie habt Ihr die Songs ausgewählt?
Die haben wir alle zusammen ausgewählt. Jeder hat so seine Wunschkandidaten gehabt; Thorsten beispielsweise ist ein richtiger NDW Fanatiker und hat mir nichts, dir nichts einfach so die Riffs für Mussolini aus dem Ärmel geschüttelt. Das war schon fast sessionmäßig, und als es dann zur Songauswahl kam, haben wir gesagt: "Mensch, das machen wir einfach". Es war schon ziemlich gewagt, aber wir haben auch in der Vergangenheit schon ungewöhnliche Sachen gemacht und ein reguläres ATROCITY Album ist schließlich auch keine 08/15 Ware, sondern da sind auch immer einige spannende Sachen dabei.

? Würdest Du demnach Werk 80 eher als eine Art Projekt betrachten?
Das ist so zwischendrin. Als Projekt betrachte ich die Sachen, die wir mit anderen Bands aufgenommen haben, z. B. mit LACRIMOSA oder mit SILKE BISCHOFF. Werk 80 ist also eher ein Band-Projekt, das wir als Band ATROCITY gemacht haben. Mir ist es nur sehr wichtig zu sagen, daß wir als Band ATROCITY die Lieder spielen und unseren Beitrag dazu geleistet haben, auch wenn die Originale von anderen Autoren stammen. Es haben unwahrscheinlich viele Menschen bei den Liedern mitgeschrieben und somit war eine Vielfalt an Input gegeben. Wir haben versucht, das Ganze auf einen Nenner zu bringen, und es auf unsere Weise zu spielen. Wir haben vieles auch moderner klingen lassen, z. B. durch neue Keyboard-Arrangements oder durch einen neueren Sound.

? Manche Lieder wie zum Beispiel Maid Of Orleans sind sehr originalgetreu, andere wiederum klingen ganz anders ...?
Das stimmt, aber durch die Gitarren wird generell eine völlig neue Komponente hinzugefügt. Auch die Beteiligung von Liv (Liv Kristine Espences von THEATRE OF TRAGEDY; Anmerkung der Red.) hat die Songs verfeinert und ihnen eine neue Note gegeben. Der Charakter der Originale ist aber schon noch vorhanden, d.h. die Lieder sind nicht so verwurschtelt, daß man sie nicht mehr erkennen kann. Wenn wir schon diese Lieder aussuchen, die alle ihre eigene Atmosphäre haben, dann wollen wir eben diesen Charakter nicht zerstören, sondern sie auf unsere Art und Weise wiedergeben, sprich interpretieren.

? Sind alle Songs Deiner Meinung nach gleich gut geworden?
Das ist allerdings eine schwierige Frage, die ich Dir auch nicht pauschal beantworten kann. Aus meiner Warte bin ich mit dem Endergebnis sehr zufrieden. Klar, im Nachhinein findet man immer irgendwelche Kleinigkeiten, die man hätte anders machen können, aber das ist bei jeder Platte so. Auf Werk 80 war die Herangehensweise an manche Songs ziemlich schwierig. Ich habe viele Stücke auch mehrfach und auf verschiedene Weise eingesungen; mal härter, dann weniger hart oder einfach nur abgedreht. Und dann war es sehr schwer zu entscheiden, was denn nun die beste Variante davon ist. Letztendlich bin ich aber mit allen Entscheidungen, die wir trafen, sehr zufrieden und denke, daß wir immer die optimale Wahl getroffen haben. Beispielsweise finde ich es sehr gut, daß wir auf Let's Dance das Tempo gedrosselt haben, so daß eine düster-bombastische Atmosphäre entstanden ist. Ich finde, das paßt auch sehr gut zum Original-Video-Clip, der zunächst funny ist und am Schluß geht eine Atombombe hoch. Diese Stimmung wollten wir auch in unsere Version einbringen. Bei Wild Boys waren wir wiederum der Meinung, dieses Lied müssen wir härter und schneller spielen. Im Original wurden extrem viele Effekte draufgelegt; wir haben den Song eher rauh und trocken klingen lassen, was im Endeffekt natürlich auch wieder eine reine Geschmackssache ist. Dadurch, daß wir das Lied schneller gespielt haben, hat sich auch die Rhythmik verändert, und im Nachhinein bin ich auch hier der Meinung, daß wir die richtige Entscheidung getroffen haben. Aber generell ist es gerade bei einer Platte wie Werk 80 extrem schwer, die richtigen Entschlüsse zu treffen, weil nun mal kein Maßstab da ist, an dem man sich orientieren kann.

? Hast Du eigentlich ein Lieblingslied auf der CD?
(lacht) Das ist eine genauso schwere Frage. Die Sache ist so: Die Lieder, die wir als erstes aufgenommen haben, hat man auch öfter gehört als die neueren Aufnahmen. Die Songs, die wir am Ende aufgenommen haben, sind für mich demnach auch die frischesten, aber generell finde ich alle Lieder auf der Platte sehr gut. Jedes Lied hat etwas eigenes für sich, also ist es schwierig zu sagen, dieser oder jener Song gefällt mir am besten.

? War es stimmlich nicht sauschwer für Dich, so unterschiedliche Künstler wie Marc Almond, David Bowie usw. nachzusingen, schließlich hat man als Hörer die Originale irgendwo im Hinterkopf?
Das stimmt, da gebe ich Dir absolut recht. All diese unterschiedlichen Stars sind sehr schwer unter einen Hut zu bringen. Das hätte auch durchaus schiefgehen können, weil sich da die Geister scheiden. Man steht natürlich auch im Schatten dieser Stars und es gibt bestimmt genügend Leute, die mir Schelte dafür geben. Aber gerade das mußte ich im Vorfeld abschütteln. Wir präsentieren uns nämlich als die Band ATROCITY und wir spielen die Lieder. Ob das dann gut oder schlecht für jemanden klingt ist Geschmackssache. Ich bringe die Songs auf meine Art und versuche auch so variabel wie möglich zu singen, um den unterschiedlichen Liedern den jeweiligen Touch zu geben. Ich muß auch sagen, ich bin jetzt nicht gerade ein Top-Sänger (lacht), obwohl viele Leute speziell die Stimme, bzw. den Gesang auf der Platte sehr gut finden. Damit will ich jetzt aber nicht sagen, daß ich hier eine Meisterleistung vollbracht habe ... obwohl: für meine Verhältnisse schon (lacht).

? Guter Übergang zur nächsten Frage. Mir persönlich gefällt der Gesang auf Maid Of Orleans ziemlich gut, während mir Don't Go nicht die Bohne gefällt ...?
Das ist genau die Sache, die ich vorhin angesprochen habe. Ich habe Don't Go auch in verschiedenen Versionen eingesungen, aber wir haben uns letztendlich dann für diese Variante entschieden. Ursprünglich hat ja eine Frau das Lied gesungen und dadurch, daß auf unserer Version der Gesang sehr männlich klingt, finde ich diese Interpretation auch sehr gut, weil dieser kernige Charakter gut zu mit paßt. Bei Maid Of Orleans war es klar, da wollte ich eine gefühlvolle Gesangslinie haben, zumal bei der zweiten Strophe Liv dazukommt. Da paßt es auch sehr gut. Ich habe mir im Vorfeld schon viele Gedanken gemacht. Das es dann geschmacklich auseinander geht ist klar, aber das ist auch im Original schon so.

? Tendiert ATROCITY jetzt allgemein mehr weg vom Metal um alternative Musikstile auszuloten?
Ich denke, das muß man so sehen: Wir sind eine Metalband, die sich bemüht, über den Tellerrand hinaus zu sehen. Das spiegelt sich auf Werk 80 auch am deutlichsten wieder. Die Scheibe spricht vielleicht auch mehr Leute an und ist für viele zugänglicher als unsere älteren Sachen. Werk 80 spiegelt auch wieder, wofür ATROCITY heute steht. Am Anfang hatten wir uns ganz andere Ziele gesteckt, da wollten wir die härteste und brutalste Band sein. Das haben wir in unserem Bereich auch irgendwann abgedeckt und haben dann versucht, musikalisch so spannend wie möglich zu bleiben. Früher waren es vertrackte Breaks, die wir in jugendlicher Weise wiedergegeben haben - das hat auch etwas für sich - aber im Laufe der Zeit war es für mich klar, daß ich auch viele andere Sachen mit ATROCITY machen möchte. Man kann Gefühle auch auf andere Art und Weise ausdrücken, nicht nur hart und schnell, sondern auch ruhig und ethnisch, was vielleicht sogar noch tiefer geht. Für mich ist es also sehr wichtig, daß man vielseitig und vielschichtig bleibt, damit es auch nicht langweilig wird. Das erhält auch die Band am Leben. Ich kann mich erinnern, daß sehr viele Bands mit uns angefangen haben, die es heute nicht mehr gibt, oder die nichts Neues mehr herausgebracht haben. Und wir sind noch da ...

? Zeigt sich Deine persönliche stilistische Vielfalt auch daran, daß Du Bands wie TOTENMOND masterst?
Das mußt Du so sehen, ich habe auch ANVIL oder FORTE gemastert ... und noch ein paar andere Bands. Ich habe ehrlich gesagt auch ein Fable dafür, auch wenn die Studioarbeit manchmal streßt. Die Geschichte mit dem Mastern hängt natürlich auch mit Massacre zusammen. Man fragt mich da halt öfters, ob ich das machen kann, weil ich das wohl auch ganz gut hinbekomme.

? Wie bekommst Du eigentlich zeitlich alles auf die Reihe? Du hast einen regulären Job bei Massacre, masterst mehrere Bands und spielst in einer eigenen Band. Bist Du ein Workoholic?
Ja (lacht). Da haben auch schon viele Leute drunter gelitten. Bei Liv beispielsweise ist es auch so. Die macht auch ziemlich viel und da bin ich auch ganz froh drüber. Das paßt gut zusammen und man kann somit seinen Lebensstil verfolgen. Aber zeitlich ist es wirklich heftig. Gerade die letzte Zeit war ziemlich brutal, weil auch die Mastering-Geschichten dazu kamen. Aber gegen Ende des Jahres wird es wohl wieder ein bißchen ruhiger werden und da kann man den Akku wieder aufladen. Und dann geht es schon wieder weiter.

? ... und dann geht es schon wieder weiter. Wie sieht die Zukunft von ATROCITY aus? Wird die nächste CD wieder eine Überraschung werden?
Oh je, wenn ich jetzt sage es wird eine Überraschung, dann wird es vielleicht gar nicht so überraschend werden. Wir haben schon ein bißchen was gemacht und werden demnächst wieder anfangen zu proben, und langsam neues Material schreiben. Aber erstmal werden wir ein paar Konzerte mit Werk 80 spielen und dann mal weitersehen. Wie das nächste Album aber werden wird kann ich jetzt noch nicht sagen.
Wolfgang Volk (01.02.1998)