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U.D.O.
Grundsatzinterview mit einer noch sehr aktiven lebenden Legende
Stimmen, die man unter Tausenden problemlos heraushören kann? Gibt's nicht viele. Aber selbst im direkten Vergleich mit solch markanten Kehlen wie Robert Plant oder Bon Scott genießt Udo Dirkschneider einen besonderen Status: Was der Mann seit 18 Jahren auf nahezu ebensovielen Platten an eigenwillig-kratzigem Powervolumen rübergebracht hat ist beim besten Willen nicht zu kopieren, obwohl viele Sangeskollegen dies vergeblich versucht haben.
Nachdem ACCEPT seit der Abschiedstour 1996 unwiderruflich auseinander gegangen sind, hat Udo im Gespann mit seinem langjährigen Kompagnon Stefan Kaufmann, der aus gesundheitlichen Gründen die Drumsticks gegen die Gitarre getauscht hat, bereits wieder ein neues/altes Eisen im Feuer. Mit Solid erscheint nach sechsjähriger Unterbrechung das fünfte U.D.O. Album. JESTER'S NEWS sprach mit dieser noch sehr aktiven Legende des German Heavy Metal über die Entwicklung des Metal, den Einfluß der Medien auf den Trend und natürlich über sein neuestes Album. 


? In den letzten Jahren war öfters zu lesen, der Metal wäre tot. Was meinst Du zu dieser Aussage?
Hm, das ist so eine Sache. Heavy Metal ist ein Begriff der irgendwann einmal von den Medien kreiert wurde. Unter Heavy Metal verstehe ich Hard Rock und Rock. Das sind ja eigentlich so viele Arten von Musik. Irgendwann hat man das Ganze dann Heavy Metal genannt. Ich glaube, diese Art von Musik war eigentlich nie tot. Sie ist mal mehr da und mal weniger, und mit Sicherheit war sie in den letzten 4 Jahren weniger populär. Sie ist dann wieder in den Untergrund zurück gegangen.

? Die Entwicklung ist auch immer extremer verlaufen. Nach Bands wie JUDAS PRIEST, ACCEPT, IRON MAIDEN und WARLOCK kamen dann der Speed Metal, Trash, Power Metal bis hin zum Death Metal. Sind diese Extreme ausgereizt?
Ja, das denke ich schon. Ich habe auf der letzten ACCEPT Tour schon gemerkt, daß diese Art des 80er Jahre Metals wieder im Kommen ist. Heavy Metal, um bei dem Begriff zu bleiben, ist irgendwo eine aggressive aber auch positive Musik. Ich glaube, daß die Leute wieder diese Musik hören wollen, weil sie eben auch positiv ist. Die Leute wollen mitmachen und sich abreagieren. Diese Art von Musik kommt mit Sicherheit wieder, das merke ich auch gerade jetzt an den ganzen Interviews die ich gemacht habe und wie die Platte bewertet wird, das ist sehr positiv.

? Im Gegensatz dazu steht dann eigentlich die Grunge-Bewegung. Die war doch sehr negativ?
Stimmt, die war wirklich sehr negativ. Eigentlich war alles nur noch depressiv. Wir haben im Augenblick aber so viel Negatives um uns herum, z.B. Jugendarbeitslosigkeit, und ich glaube, wenn die Leute Musik hören, dann haben sie keine Lust mehr, noch negativ eines draufzusetzen. Die Leute wollen, wenn sie Musik hören oder auf ein Konzert gehen, ein positives Gefühl vermittelt bekommen. Deshalb wird auch dieser klassische Heavy Metal wieder kommen.

? Wie hoch bewertest Du den Einfluß der Medien, die ja für den Trend verantwortlich sind?
So wie ich das sehe ist gerade durch die verstärkte Medienpräsenz, z.B. MTV oder VIVA, eine Veränderung eingetreten. Da wurden gute Videos von neuen Bands gemacht und wenn du das Video gesehen hast, denkst du "Mein Gott, was für eine Band", dann sind die Leute zum Konzert gegangen und waren fürchterlich enttäuscht. Es sind in letzter Zeit, meiner Meinung nach, 80% der Bands die neu hoch gekommen sind oder was neues kreiert haben, durch die Medien gepuscht worden. Aber wenn es dann darum ging handfest zu beweisen, daß sie auch wirklich was können sind sie ganz schnell den Bach runter gegangen. Und bei dieser Sache liegt die Schuld ganz klar bei den Medien. Da wurden Sachen gepuscht, wo die Band den Standard überhaupt nicht halten konnte, der da hochgejubelt wurde.

? Haben die Bands denn nicht auch ein Problem damit, das Ganze seelisch zu verkraften?
Mit Sicherheit ist das auch ein Problem. Früher hat man sich hoch gearbeitet, wenn man das so sagen kann. Heutzutage ist es so, daß sofort versucht wird mit dem ersten Album an die Spitze zu kommen. Ich weiß nicht, ob solche Bands mit dem ganzen Buisiness schon umgehen können. Dazu gehört nämlich auch ein bißchen Erfahrung. Dadurch sind dann auch viele Bands ganz schnell wieder weg vom Fenster. Aber da kann man ein Buch drüber schreiben.

? Kommen wir langsam zu Solid. Schließt Du dich der Meinung an, daß Solid auch in den 80er Jahren hätte rauskommen können?
Ja, absolut, da habe ich auch kein Problem mit.

? Im Prinzip bist Du immer Deinem Stil treu geblieben?
Da muß man auch ACCEPT wieder mit dazu nehmen. Wir haben da etwas eigenständiges kreiert und das versuche ich auch nach wie vor so gut wie möglich zu machen. Ich glaube, auch im Sinne meiner Fans halte ich an diesem Stil fest. Ich denke, die Fans würden es mir auch krumm nehmen, wenn ich versuchen würde wie was weiß ich wer zu klingen. Das wäre mit Sicherheit verkehrt.

? Richtig, Doro beispielsweise ist mit ihrem Machine II Machine ziemlich untergegangen.
Genau, da ist der Schuß nach hinten losgegangen. Das ist so eine Sache wenn man zuviel versucht. Ich habe auf Solid auch ein paar Sachen ausprobiert. Das sind aber nur unterschwellige Kleinigkeiten, die vielleicht nur ich selber weiß. Aber wichtig ist: Wenn man einen eigenen Charakter hat, sollte man die Grundbasis beibehalten. Klar, ein bißchen probieren kann man schon, auch um sich weiterzuentwickeln, aber der grundlegende Charakter sollte schon beibehalten werden.

? Ist es dann nicht extrem schwierig sich nicht selbst zu kopieren, bzw. sich zu wiederholen?
Sicherlich, das ist schwierig. Ich meine, es besteht immer die Gefahr sich zu wiederholen. Es werden auch immer wieder Vergleiche kommen, aber damit kann man leben. Die Grundbasis ist zwar immer da, aber du kannst kein neues Balls To The Wall oder ein neues Metal Heart schreiben. Ich setze mich auch mit Sicherheit nicht hin und überlege, jetzt müßte ich was schreiben was wie Balls... klingt. Das geht nicht und da sollte man auch die Finger weg davon lassen.

? Ist es nicht auch schwierig, speziell für eine traditionelle Metal Band, neue Fans zu gewinnen?
Nein, nicht einmal. Was meiner Meinung nach passiert, das habe ich in den vergangenen Jahren auf den Konzerten auch immer wieder beobachtet, ist, daß die jüngeren Fans diese Art von Musik neu entdecken. Auf den letzten ACCEPT Touren hatte ich erwartet, daß nur Fans so um die 30 Jahre kommen würden. Die waren auch da, aber nur zu ca. 10%. Der Rest waren junge Leute. Das ist eben auch der Vorteil, diese Generation entdeckt die Musik neu. Die kennen die alten Sachen teilweise gar nicht. Für die ist das also im Prinzip neue Musik.

? Würdest Du sagen, daß Solid auch ein ACCEPT-Album hätte sein können?
(lacht) Das ist so eine Sache. Ich weiß es nicht. Ich muß jetzt nochmal auf ACCEPT zurückgreifen. Für mich war das letzte ACCEPT-Album Predator kein ACCEPT-Album, sondern eher ein Rolf Hoffmann Solo Projekt. Er hat halt den Fehler gemacht über die ganze Sache ACCEPT zu setzen und damit hat sich die Band selbst den Todesstoß gegeben. Es ist kein Problem wenn sich jemand verwirklichen will, aber da kann man auch ein Solo-Album machen. Solid hätte ein ACCEPT Album sein können. Da möchte ich auch auf Stefan Kaufmann zu sprechen kommen, denn er ist da ein sehr wichtiger Mann. Er war auch bei ACCEPT schon sehr, sehr wichtig. Er spielt hervorragend Gitarre und hätte bei ACCEPT als Gitarrist einsteigen können, aber die Band hat sich dann dagegen entschieden. Stefan hat dann mit Predator eigentlich überhaupt nichts zu tun gehabt und ich denke es war ein Kardinalsfehler, die Person Stefan Kaufmann nicht zu involvieren. Aber das ist jetzt History. Nachdem ich dann auf der letzten Amerika-Tournee erfahren habe, daß es wohl das beste ist, ACCEPT aufzulösen, habe ich mich spontan entschieden, U.D.O. wieder aufleben zu lassen. (Anmerkung der Redaktion: Udo hat den Bandnamen U.D.O. nicht "Udo" ausgesprochen, sondern tatsächlich die Buchstaben U.D.O. buchstabiert.)

? Ich finde es sehr interessant, daß Du U.D.O. und nicht Udo sagst. U.D.O. ist demnach tatsächlich eine Band und kein Soloprojekt, bzw. ein Zwei-Mann-Projekt Dirkschneider/Kaufmann?
Das sind jetzt zwei Sachen. Nach der Auflösung von ACCEPT haben mich viele Leute gefragt, warum ich denn den Namen ACCEPT nicht weitergenutzt habe, zumal mit Stefan Kaufmann ein ehemaliges ACCEPT-Mitglied in der Band ist. Da liegen die Rechte leider nicht bei mir, sondern bei jemand anderem, leider! Zum anderen ist U.D.O. auch nicht unbekannt, weil wir immerhin schon 4 Platten herausgebracht haben. Jetzt ist es so, daß sich die ganzen Medien auf mich stürzen, weil ich nun mal der Bekannteste in der Band bin. Als zweiter Mann ist Stefan Kaufmann gefragt, weil auch er sehr bekannt ist und die Leute kaum glauben können, daß er jetzt Gitarre spielt. Aber U.D.O. ist eine Band. Es war für mich auch diesmal ganz wichtig das Line-Up beizubehalten. Gerade beim ersten U.D.O. Album war das ja ein ziemliches Durcheinander - Musiker rein, Musiker raus. Ich wollte diesmal auch kein Junggemüse nehmen, sondern Leute, die wissen was ich will und was ich auch brauche und die einen Draht dazu haben. Stefan Schwarzmann (drums) war von Anfang an klar; ich habe ihn angerufen und er hat sofort zugesagt. Die anderen beiden, das ist eine ganz komische Geschichte, die habe ich seit 11-12 Jahren nicht mehr gesehen. Dann war ich voriges Jahr im Urlaub auf Ibiza und durch Zufall habe ich dort Fitty Weinhold (bass) und Jürgen Graf (guit) getroffen. Dann haben wir über Tod und Teufel geredet und ich bin wieder zurück nach Deutschland geflogen. Nach dem Komponieren hat uns dann ein Basser und ein zweiter Gitarrist gefehlt. Nach dem Gespräch, das ich mit den beiden im Urlaub hatte, habe ich mir gesagt, das könnte es sein und wir haben die beiden dann nach Deutschland kommen lassen. Wir haben dann rumgejamt und das hat auch alles ziemlich schnell funktioniert. Ja, und da waren wir dann komplett.

? Ihr ergänzt Euch auch alle in Punkto Songwriting, speziell Du und Stefan Kaufmann?
Richtig, und da möchte ich noch einmal darauf hinweisen, daß Stefan Kaufmann ein ganz wichtiger Faktor bei ACCEPT war. Das wissen zwar nur wenige Leute, aber wenn ich aufzählen würde, was alles von Herrn Kaufmann ist...Aber lassen wir das lieber. Er war bei ACCEPT ganz, ganz wichtig und das hört man jetzt auch auf Solid sehr gut heraus.

? Hast Du eigentlich persönliche Faves auf Solid?
Mit Sicherheit Independence Day, Two Faced Woman und The Punisher, das sind so meine Lieblingsstücke auf der Platte.

? Würdest Du sagen, daß Solid Deine beste CD ist?
Hm, ich denke wir sind an den besten ACCEPT Alben Breaker, Restless And Wild und Balls To The Wall dicht dran. Von allen U.D.O. Platten ist Solid die beste, das würde ich so sagen, dann kommt Animal House. Für mich musikalisch wichtig war auch noch Faceless World mit U.D.O. Da haben zwar einige Leute gesagt "Was machst Du denn jetzt?" aber im Nachhinein hat sich herausgestellt, daß es das am besten verkaufte U.D.O. Album bislang war. Solid ist bestimmt das rundeste Album, da paßt einfach alles drauf.

? Was kann man von U.D.O. 1997 erwarten?
Im August fangen wir an live zu spielen. Der erste Auftritt ist am 8. oder 9. August auf dem Open Air in Wacken. Dann folgen vielleicht einige Festivals, aber es kann auch sein, daß wir was ganz anderes machen. Das steht noch nicht fest. Schließlich ist dann Anfang September eine Europatournee geplant, dann Japan und Südamerika. Dann ist das Jahr auch schon vorbei.

? Was wird auf den Konzerten zu hören sein?
Auf der Tour spielen wir eine gute Mischung aus neuerem Material, Stücken aus den letzten 4 U.D.O. Alben und natürlich auch ACCEPT Klassiker. Metal Heart, Restless And Wild und Fast As A Shark dürfen da einfach nicht fehlen. Vielleicht spielen wir sogar ein Lied, daß wir mit ACCEPT nie live gespielt haben. Das werden wir dann bei den Proben sehen.
Wolfgang Volk (15.05.1997)
Weiteres zu U.D.O.:

- Live From Russia (Live-Doppel-CD) (CD-Check)

- Man And Machine (CD-Check)

- Solid (CD-Check)