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Chandelier
Starclub Oberhausen, 03.05.97 (CD Release Party)
Lange, lange hat es gedauert, bis man endlich mal wieder ein Lebenszeichen von der wohl bekanntesten Neoprog-Band Deutschlands hörte: Immerhin fünf Jahre sind seit Veröffentlichung von "FacinGravity" vergangen! Um so größer war dann die Freude, als die frohe Kunde von einer neuen CD an die entzückten Gehörgänge der Fangemeinde drang. Für die Release Party hatten sich die Jungs aus dem Kreis Neuss den in der Szene langsam Kultstatus einnehmenden Starclub ausgesucht. Erfreulich, daß die Bude auch diesmal wieder so gut wie ausgebucht war. 

Als wir nach dem Einlaß erwartungsfroh der kommenden Dinge harrten und uns zur Einstimmung schon mal ein einzelnes Bier reinzogen, kam dann irgendwann Martin Eden auf die Bühne, um die Vorband anzusagen, "bevor Euch dann gleich Chandelier die progressiven Ohren wegblasen..." Was folgte, war ein Barock-Quartett namens Venticello. Sicher ist vierstimmiger a cappella-Barock-Gesang nicht jedermanns Sache, aber die stimmliche und musikalische Qualität des Gebotenen konnte den ein oder anderen dann doch zum Mitwippen bewegen. Immerhin, war mal was anderes.
Nach ca. 45 Minuten verließen Venticello die Bühne wieder, und schon kurze Zeit später (weil ja die Umbpause entfiel) erschienen dann drei wohlbekannte Nasen nebst zwei ganz neuen Gesichtern: Stephan Scholz am Tieftöner und Thomas Jarzina an der Schießbude, die beide allerdings schon länger zum Dunstkreis der Band gehört hatten.

Los ging’s mit dem obligatorischen "Start It" – und dann drohte Martin Eden, daß man sich nun wohl oder übel nebst alten Klassikern auch mit dem kompletten neuen Album "Timecode" auseinanderzusetzen habe. Um es gleich vorwegzunehmen: Für mich ist "Timecode" im ganzen überaus gelungen, wenn es vielleicht auch nicht ganz an die Vorgängeralben heranreicht. Vor allem das Schlagzeug, das ja in der Vergangenheit vereinzelt als Kritikpunkt genannt wurde, kann sich dank Thomas Jarzina inzwischen wirklich hören lassen.

Der erste neue Song an jenem Abend war "Expedition" - druckvoll, mit treibendem Rhythmus, interessanter Spannungsbogen, dann eine schöne getragene Passage mit überaus gelungener Gesangseinlage von Birgit Gotzes, der Sopranistin von Venticello. Es folgte das Titelstück, "Timecode": Auch hier wieder ein spannungsgeladener, vertrackter Anfang, der sich dann in einem beeindruckenden Gitarrensolo von Udo Lang entlädt. Ein mitreißendes, langes Stück, möglicherweise das beste auf "Timecode". Aber auch "Half Empty, Half Fool" sorgte bei so manchem für glänzende Augen. Dieses Teil war in der Vergangenheit ja bereits live zu bestaunen, und schon damals stellte man sich die Frage, wann man diesen Song denn wohl auf einem Silberling mit nach Hause tragen könnte...

Die enormen Frontman-Qualitäten von Martin Eden waren an jenem Abend auch mal wieder ausgiebig zu bewundern. Er versteht es einfach, das Publikum nicht nur während der Songs, sondern auch immer wieder zwischendurch auf seine sehr humorvoll-subtile Weise zu unterhalten, indem er zum Beispiel kuriose Zeitungsausschnitte vorliest oder wortreiche Ansagen einstreut – so zum Beispiel vor "Child Of Hope", der Ballade des Abends. Martin meinte dazu, daß dieses Stück möglicherweise die Gemeinde spalten könnte – wer's aber nicht mag, der könne ja in der Zwischenzeit eine Pinkelpause einlegen... So schlimm war’s dann aber wirklich nicht, im Gegenteil - ich fühlte mich etwas an "Safe" erinnert.

Ein Highlight des Abends war sicher "Ferengi Lover", bei dem es um die unerfüllt bleibende Begierde eines Ferengis auf klingonische Mädels in Negligés geht - dieser eingängige Fun-Song hat wirklich Hitqualitäten. Zudem steht die Ferengi-Perücke Martin Eden wirklich ausgezeichnet...! Ich denke, auf zukünftigen Konzerten wird dieser Song ähnliche "Abfeierfunktionen" einnehmen wie "Wash & Go".

"Have A Break", das dann folgte, könnte man als kleinen Durchhänger bezeichnen; ganz überzeugt hat mich dieses Stück jedenfalls nicht. Als vorletzter Song folgte "When The Night Begins", wo es laut Martins Ansage in erster Linie um die tiefsinnigen nächtlichen Gespräche zwischen Mann und Frau geht, bevor es sich dann am Ende wieder mal nur noch (Martin seufzt resigniert) um puren Sex dreht... "Mountain High" war der Abschluß des regulären Sets. Im Zugabenblock gab's "Pure", "Ferengi Lover" – weil’s so schön war gleich zum zweiten Mal – und "Wash & Go", das wie immer frenetisch gefeiert wurde ("The Shower’s on, the shampoo’s gone, one hundred million bottles, if only I had one...").

Was soll's, die Release-Party ist Geschichte, zurück bleibt eine tolle neue CD und mein innerer Jubelruf: The boys are back!
Erik Gorissen (01.09.1997)