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Pallas
The Cross And The Crucible
Jahrelange Konstanz ist nicht immer zwangsläufig gleichbedeutend mit einem ganzen Wust an Veröffentlichungen, denn manchmal liegt die eigentliche Würze eher in einer sparsamen und zielgerichteten Kreativität. PALLAS aus Aberdeen sind ein solcher Fall, bei dem das hohe musikalische Gut einer Band niemals einem kurzfristigen Ausverkauf preisgegeben, künstlerische Aspekte immer über die kommerzieller Interessen gestellt wurde. The Cross And The Crucible ist erst das fünfte Album in knapp achtzehn Jahren Bandhistorie, und damit verständlicherweise von besonderer Bedeutung, zeigt es doch, dass es neben den kurzlebigen Trends und Modern auch heute noch Musiker mit Weitblick und Stehvermögen gibt, die ihren Wurzeln größtenteils treu geblieben sind. 

Musiker, die sich zudem Gedanken über den Gang der Geschichte, über das Treiben und Schicksal der Spezies Mensch machen, und all diese Gedanken in ihre Musik einfließen lassen. "Unser neues Album versucht das Mysterium der menschlichen Rasse zu verstehen", erklärt Sänger Alan Reed zu The Cross And The Crucible. "Uns hat schon immer der Widerspruch des menschlichen Individuums interessiert, einerseits die Fähigkeit zu wundervollen und außergewöhnlichen Taten zu besitzen, gleichzeitig jedoch ein Wesen mit unglaublicher Grausamkeit zu sein. All diese Phänomene finden
Berücksichtigung in unseren neuen Songs."
Er meint damit Stücke wie For The Greater Glory, The Blinding Darkness oder Towers Of Babble, in denen musikalisch wie textlich zum Ausdruck gebracht wird, dass in der Menschheitsgeschichte viele Kriege unter dem Deckmantel einer vermeintlich gerechten Religion, wie immer die auch ausgesehen haben mag, geführt wurden. "Es ist schon blanke Ironie, dass jeder Glaube vor allem Frieden, Liebe, Partnerschaft und Sanftheit lehrt, die Streitkräfte einiger Religionen in all den Jahrhunderten aber immer wieder gemordet und zerstört haben." Die fünf Musiker kreieren auf The Cross And The Crucible eindrucksvolle Klanggemälde, die dem aufwendigen Thema gerecht werden, und mit ihren epischen Arrangements, den technisch hochwertigen Instrumentalpassagen und einem alles vereinenden Gesang dem Progrock-Genre alle Ehre machen. War schon das Vorgängeralbum Beat The Drum ein außergewöhnliches Werk und ein Meilenstein in der Bandhistorie, so haben PALLAS mit ihrem neuen Epos in Punkto Eindringlichkeit und Facettenreichtum sogar noch zugelegt, wenngleich nach wie vor gilt, dass die Jungs manchmal ein bisschen mehr aus sich herausgehen sollten. Und damit sind wir auch schon beim einzigen größeren Kritikpunkt der Scheibe. Teilweise klingen PALLAS halt einfach zu brav und fast ausschließlich kopflastig, und da wäre es sicherlich kein Fehler, streckenweise Musik "aus dem Bauch" zu spielen und gegensätzliche Gefühle auch mal "rauszuschreien". Nichtsdestotrotz ist The Cross And The Crucible ein gutes und empfehlenswertes Prog-Album geworden, das den Szene-Freunden sicherlich weiterempfohlen werden kann.
Am Rande sei hierbei noch erwähnt, dass The Cross And The Crucible neben der regulären Ausgabe übrigens auch als limitierte Edition und gleichzeitig als Digipack mit sehr interessantem Bonusmaterial erscheinen wird.

Historie

Gegründet 1974 in Aberdeen, Schottland, firmierte die Band anfänglich unter dem Namen RAINBOW, änderten ihn aber aufgrund der gleichnamigen Formation von Ritchie Blackmore nur wenig später in PALLAS. Nach einigen Umbesetzungen
kristallisierte sich 1979 mit Sänger Euan Lawson, Gitarrist Niall Mathewson, Keyboarder Ronnie Brown, Bassist Graeme Murray und Schlagzeuger Derek Forman eine konstante Besetzung heraus. Zwei Jahre später zeichnete die Band im heimischen Paisley eine Live-Demokassette mit dem Titel Arrive Alive auf, und vertrieb diese über ihre eigene kleine Plattenfirma Granite Wax Records. Die Renaissance des 70er Progrocks nahm in jener Zeit immer konkretere Formen an, denn mit dem riesigen Erfolg von MARILLION wurden Progrock-Formationen plötzlich auch wieder für große Plattenfirmen lukrativ.
Nachdem PALLAS über Monate hinweg regelmäßig bejubelte Konzerte gegeben hatten, und Arrive Alive auch auf Vinyl gepresst worden war, unterzeichnete die Gruppe einen Plattenvertrag beim Konzernriesen EMI, der 1983 das Livealbum offiziell über ihre Vertriebswege in die Plattengeschäfte stellte. Nur wenige Monate später schoben PALLAS ihr eigentliches Debütalbum The Sentinel nach, das aufgrund der gezeigten Darbietungen unmittelbar zum Prog-Klassiker avancierte. Produziert wurde The Sentinel, das mit einem im wahrsten Sinne des Wortes phantastischen Fantasy-Cover von Patrick Woodroofe ausgestattet wurde, von Eddie Offord, dessen Arbeiten für YES und EMERSON, LAKE & PALMER legendär sind. Mehr als 80.000 Exemplare gingen vom Album, das sich thematisch mit dem versunkenen Atlantis beschäftigt, europaweit über den Ladentisch. Im vergangenen Jahr veröffentlichten InsideOut das Werk mit Bonusstücken und remastert erstmals auf CD, inklusive eines ultra raren Videos, das 1984 im Londoner 'Hammersmith Odeon` aufgezeichnet wurde. Aber wieder zurück zu den Achtzigern: Nach der Veröffentlichung von The Sentinel und einer überaus erfolgreichen Englandtournee begann es, innerhalb der Band zu bröckeln. Sänger Euan Lawson verließ Mitte des Jahrzehnts die Gruppe und wurde durch Alan Reed ersetzt, den PALLAS mittels einer Suchanzeige im Melody Maker von der Formation ABELGANZ abwerben konnten. Mit Reed als ihren neuen Sänger veröffentlichten PALLAS 1985 die EP Knightmoves, und demonstrierten schon ein Jahr später auf The Wedge ihre musikalische Entwicklung, die die Band seit dem Sängerwechseln hatte machen können. Das ungewöhnlich moderne und innovative Werk, das aufgrund der vielseitigen Mischung aus Prog-Elementen, kommerziellen Passagen und härteren Ansätzen seiner Zeit um Jahre voraus zu sein schien, verkaufte sich als vinyle Schallplatte in Europa über 100.000 mal. Auch The Wedge wurde via InsideOut im Mai des vergangenen Jahres auf CD wiederveröffentlicht und mit Bonustracks und einem sehenswerten Video aus dem Erscheinungsjahr zusätzlich aufgewertet. Mit diesem Album endete Mitte der 80er der Vertrag zwischen PALLAS und der EMI, noch bevor das geplante dritte Album konkrete Gestalt annehmen konnte. Mit dem Vertragsende zogen sich die Musiker mehr und mehr aus der Öffentlichkeit zurück, gaben zwar noch vereinzelte Konzerte und nahmen eine Demokassette für ihren Fanclub auf, doch außer der 93er Indiependent-Scheibe Knight Moves To Wedge gab es keinerlei wirkliche Lebenszeichen von PALLAS. Hinzu kamen private und persönliche Probleme der Musiker, die immer wieder regelmäßiges Proben und zielgerichtetes Arbeiten verhinderten. Plötzlich aber, dreizehn Jahre nach The Wedge, überraschten PALLAS ihre treuen Fans im Jahre 1999 mit einem neuen Studioalbum, genannt Beat The Drum, auf dem die Band erstaunlich frisch und vital alle wichtigen Stilmittel ihres typischen Prog-Sound zitierte, sich gleichzeitig aber modern und zukunftsorientiert präsentierte. Beat The Drum wurde nicht nur von den langjährigen Fans mit Begeisterung aufgenommen, sondern erhielt ebenso viel Beifall von der internationalen Presse. Nach Veröffentlichung tourten PALLAS zwei Mal auch in Deutschland, und hinterließen dabei einen hervorragenden Eindruck. Mit The Cross And The Crucible, das am 25. Juni 2001 über InsideOut erscheint, lassen PALLAS ihre Anhänger diesmal nicht wieder dermaßen lange warten, sondern setzen die verheißungsvollen Direktiven des 99er Neuanfangs konsequent fort.
Wolfgang Volk (05.06.2001)
Weiteres zu Pallas:

- The Cross And The Crucible (CD-Check)

- The Wedge und The Sentinal (Re-Releases) (CD-Check)

- Welcome Back! (Interview)